• Ruheoase oder Lärmzone?

Ruheoase oder Lärmzone?

13.09.2019 JUDITH SUPPER – Freie Journalistin

Lärmschutz für Gärten – Lärm ist unerwünschter Schall. Jedes laute Geräusch versetzt den Körper in Alarmbereitschaft: Stresshormone werden ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller, Atemfrequenz und Blutdruck steigen. Wie lässt es sich im Garten ruhig leben?

Rund eine Million Menschen in der Schweiz sind laut Bundesamt für Umwelt (Bafu) von Lärm über den gesetzlichen Grenzwerten betroffen. Speziell der Garten würde beste Voraussetzungen für entspanntes Nichtstun bieten. Doch überall lauern Lärmquellen: der Laubbläser des Nachbarn, Torjubel vom Fussballplatz, Strassenlärm. Bereits eine nächtliche Lärmbelastung von 40 bis 50 Dezibel stört den Schlaf. 80 Dezibel entsprechen ei- ner Hauptverkehrsstrasse. Ab dann herrscht ein erhöhtes Herz-Kreislauf- Risiko bei Dauerbelastung.

Wer im Garten davon verschont bleiben will, hat zwei Möglichkeiten: Er kann über bauliche Konstruktionen den Lärm entweder absorbieren oder ihn reflektieren. Glatte Flächen wie Beton oder Glas werfen die Geräusche zurück. Raue oder poröse Materialien hingegen nehmen sie auf: Je mehr Oberfläche ein Material aufweist, desto mehr Schall fängt es.

Wall oder Wand? Zu den gängigen Systemen gehören Lärmschutzwälle und Lärmschutzwände. Der Lärmschutzdamm ist die älteste und natürlichste Methode, sich vor Lärm zu schützen. Raumsparender sind Lärmschutzwände. «Sie benötigen eine gewisse Masse und müssen dicht und geschlossen sein, um zu funktionieren», erklärt Beatrice Friedli vom Berner Landschaftsarchitekturbüro Klötzli und Friedli. «Nach aussen hin braucht es raue Strukturen, damit der Lärm absorbiert und nicht reflektiert wird. Die jeweilige Höhe ergibt sich aus dem Abstand zur Strasse und infolge dessen aus dem Lärmgutachten. Dieses erarbeiten Umweltingenieure. Sie messen die Lärmimmissionen im Garten und legen anhand der gesetzlichen Vorschriften fest, wie hoch die Mauer werden muss, damit der Schall nicht mehr in den Garten gelangt.»

Dämme und Wälle entfalten ihre Wirkung dann am umfassendsten, wenn sie sehr nahe an der Lärmquelle liegen. Solange man die Lärmquelle sehen kann, ist sie auch zu hören. Je höher der Damm, Wall oder die Schutzwand sind, desto grösser ist ihre Schutzwirkung. Um zu funktionieren, muss die Wand das Grundstück zur Lärmseite hin komplett abschirmen. Einfahrten und offene Eingänge benötigen daher integrierte Rolltore.

Ins Gesamtkonzept des Gartens integrieren Bei den möglichen Materialien gibt es eine breite Palette: Naturstein, Lehm, Backstein, Stahl, Beton, Kunststoff, Glas oder WPC («Wood-Plastic- Composites», englisch für «Holz- Kunststoff-Verbundwerkstoffe»). Ein wichtiges Entscheidungskriterium nach aussen hin ist, dass sich Material und Bauart in die Charakteristik des Siedlungsteils einfügen. Zur Gartenseite hin gilt es, einen stimmigen Gesamtraum zu schaffen. Die Lärmschutzwand soll die Wohnqualität bezüglich des Lärms verbessern, ohne die Bewohner einzuengen. Dazu muss das Element ins Gesamtkonzept integriert sein. Für Beatrice Friedli ist das durchaus als Chance zu verstehen. «Im Zusammenspiel aus Haus, anderen Gartengebäuden und Wand lassen sich geschützte Räume oder Rückzugsorte schaffen, die den Garten strukturell gliedern.» Das können Gebäude wie Velounterstände oder Gartenlauben sein, die gleichzeitig als Lärmschutzwände funktionieren. «Hier ist auch das Material entscheidend. Es geht also nicht nur um technische Aspekte, sondern auch um landschaftsarchitektonische. Klare Formen haben Vorteile», sagt die Landschaftsarchitektin. Stampflehm sei eine schöne Option, speziell auch aus ökologischer Sicht. Stampfbeton sei gröber, gleiches gelte für Gabionenwände. «Und Holz muss verfüllt wer- den, um den Lärm zu absorbieren.»

Hecken allein sind wirkungslos Ist es aus baulicher Sicht nicht möglich, die Lärmschutzwand ins gestalterische Gartenkonzept zu integrieren, rät Beatrice Friedli zu grünen Strukturen wie Einzelsträuchern und Hecken. «Doch auch hier braucht es ein Gesamtkonzept», gibt sie zu bedenken. Heckenpflanzen allein zeigen keine Auswirkungen auf Lärm, spielen jedoch psychologisch eine wichtige Rolle. «Betrachtet man eine Strasse, die beidseitig grün gesäumt ist, lenkt das vom Lärm ab.» Generell rät die Landschaftsarchitektin zu mehr Gelassenheit. «Allgemein ist die Empfindlichkeit gegenüber Lärm sehr gestiegen. Man regt sich über normalen Quartierlärm, Kuhglocken oder Kirchengeläut auf. Speziell im Wohnquartier muss man gewisse Rahmenbedingungen akzeptieren. Und öfter mal tolerant sein.»

 

In der Schweiz leiden tagsüber rund 1,1 Mio. und nachts über 1 Mio. Personen unter Lärmbelastung aus Strassen-, Eisenbahn- und Flugverkehr.Ruhe und Entspannung im Garten geniessen – wer möchte das nicht? Manchmal funktioniert das nur mit einer schallreduzierenden Barriere.